Die Varianten „zu lieben“ sind vielfältig. Und die natürlichst gegebene scheint: die Liebe zum Kind. Zwischen den Eltern und dem Kind. Zwischen dem Vater und dem Kind und der Mutter.
„Wir wollten etwas mitnehmen von der Insel.“ (S. 76)
Mutter, Vater, Eltern werden - Ulrike Draesner beschreibt den Prozess der Eltern- und Mutterwerdung, den Weg der Liebe zu ihrem Kind. Was ist daran besonders? Es ist nicht das eigene. Es ist ein Kind, von dem sie und ihr Mann Hunter noch nicht wussten, dass es ihr Kind werden würde, als es geboren wurde. Drei Jahre ist das Mädchen, als die Autorin erfährt, dass es ihr Kind werden könnte. Denn: Es lebt in einem Heim in Colombo auf Sri Lanka. So begibt sich das Ehepaar für drei Wochen dorthin auf die „Adoptionsbühne“ (S. 116) zu ihrer „future daughter“ (S. 95). „Mary hatte ein Herz, offen war es nicht“. (S. 84) Die Möglichkeit des Nichtgelingens, des Ablehnens besteht, die Möglichkeit, dass der singhalesische Richter der Adoption nicht zustimmt – welch Zitterpartie…

Ulrike Draesners Roman „zu lieben“ ist ein Roman und doch keiner. Er ist maximal autobiografisch geprägt, und er übte von Anfang an eine ganz eigene Faszination auf mich aus. Obwohl da Dinge sind, die mich stören oder die es für mich nicht gebraucht hätte: zuweilen komplizierte Satzkonstruktionen, durchgestrichene Wörter mitten im Text, Wortbilder am Kapitelanfang, die ich nur mit Lupe entziffern konnte… Schnickschnack? Vielleicht.
Aber.
Da ist eine Ich-Erzählerin, die sich mit großem Bedacht ihrer eigenen Geschichte - der ihrer Mutterwerdung - nähert und erinnert. Die es schafft, in Momenten des größten Zweifelns und der größten Unsicherheit umzuschwenken und dem Ernst und dem Druck der Situation mit Verschmitztheit, auch in der Sprache, zu begegnen. Eine, der immer bewusst bleibt, woher sie kommt und von wo sie Mary mitnehmen will. und der es gelingt, dieses Ungleichgewicht, diese Hindernisse und Barrieren mit „zu lieben“ zu überbrücken. Eine Ich-Erzählerin, eine Autorin, die feinsinnig die Vibrationen in ihr selbst, in ihrem Mann, in Mary und in ihrer Umgebung einzufangen weiß.
Das ist höchst reflektiert und tiefschichtig dargestellt und deshalb ist „zu lieben“ zu hundert Prozent und darüber hinaus empfehlenswert. Chapeau.
Vielen Dank an das Bloggerportal und an die Penguin Random House Verlagsgruppe für das Rezensionsexemplar.
Ulrike Draesner, 1962 in München geboren, wurde für ihre Romane, Essays und Gedichte vielfach ausgezeichnet. Zuletzt erhielt sie den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung und den Großen Preis des Deutschen Literaturfonds für ihr Gesamtwerk, das multimediale Arbeiten und Übersetzungen einschließt. Ihr Roman Die Verwandelten war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Die Jahre 2015 bis 2027 verbrachte Draesner in England. Nach verschiedenen internationalen Gastdozenturen und Poetikvorlesungen ist sie seit April 2018 Professorin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sie ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Draesner lebt mit ihrer Tochter in Berlin.
Ulrike Draesner, zu lieben, Roman , Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, 2. Auflage, München 2024, 347 Seiten, ISBN 978 3 328 60341 2

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