„Wir haben uns beide angepasst an ein anderes Leben als das frühere, an ein angepasstes Leben … Wir sind Mittelschicht und damit schweigende Mehrheit. Träge Masse.“ (S. 16/17) Was ist nur aus mir geworden? Aus uns? Haben wir uns verraten?“ (S. 79)
Priska ist unzufrieden. Mit sich. Mit der Beziehung zu ihrem Mann. Ihr Körper zeigt der 53jährigen zudem die Wechseljahre an. Und auch das Implantat, das ihr im rechten Ohr eingesetzt wurde, erfüllt nicht so schnell und in dem Maße ihre Vorstellungen von besserem Hören. „Hören, nicht ahnen. Hören, das heißt: Vertrauen können im Schlaf.“ (S. 11) Was sie besonders vermisst, ist Musik zu genießen. Sie beginnt, alte LPs aufzulegen, ein verwaschenes, frustrierendes Hörerlebnis - aber ihre Erinnerungen switchen sie in die Zeit, als sie um die 20 und im Club „Hey“ unterwegs war, bei Konzerten von Mother’s Ruin, Kleenex, den Dogbodys - und mit Gina liiert…

Durch zwei Zeitebenen ist der innere Konflikt Priskas sehr gut nachzuvollziehen. Ich erhalte zum einen sehr interessante Einblicke in die Züricher Club- und Punkszene und in die Frauenbefreiungsbewegung, wodurch ich verstehen kann, was Priska verloren glaubt. Der Sound und das aufgeladene Feeling der jungen Jahre Priskas, die End-1970er, klingen aus dem Roman. Dem gegenüber steht in 2010 sehr authentisch ihr aktuell hadernder Gemütszustand, begründet aus ihrem Beziehungsstatus, dem Sinnesverlust und ihrem sich generell verändernden Körper.
Mit Priskas Freundin Gina erhalte ich zudem eine Ahnung von der auch radikalen Seite der Bewegung und der daraus resultierenden, zu Unrecht generalisierenden Observierung durch den Staatsschutz. Neben Gina möchte ich noch Lisa, eine Journalistin, und die sympathische Therapeutin Frau Häusermann als Wegweiserinnen Priskas erwähnen, wohingegen Bengt, ihr Partner, eher blass gezeichnet bleibt.
Dies ist ein vieldimensionaler Roman, der sich hauptsächlich aus dem Gedankenstrom Priskas nährt, was aber der Spannung keinerlei Abbruch tut. Vielen Dank, Barbara Schibli, dass Du mich auf ihn aufmerksam gemacht hast. Ich habe mich - auch wenn ich kein Punkfan bin 😉 – Priska sehr verbunden gefühlt. Das macht Musik eben auch.
Der Roman reiht sich damit in ein bisher starkes Lesejahr 2025 ein - große Leseempfehlung.
Vielen Dank an den Dörlemann Verlag für das Rezensionsexemplar.
Barbara Schibli, 1975, hat Germanistik, italienische Literaturwissenschaft und Publizistik studiert. 2016 gewann sie den Studer/Ganz-Preis für das beste unveröffentlichte Prosamanuskript und 2017 wurde sie für den daraus entstandenen Debütroman Flechten mit dem GEDOK Literaturförderpreis ausgezeichnet. 2018 gewann sie mit dem Hörspiel Marderschreck den Wettbewerb des 8. sonOhr Hörfestivals.
Barbara Schibli, Flimmern im Ohr, Roman, Dörlemann Verlag AG, Zürich 2024, 382 Seiten, ISBN 978 3 03820 143 4

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