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Tove Ditlevsen "Kindheit"


„Der Kindheit kann man nicht entkommen, sie hängt an einem wie ein Geruch.“ (S. 31) 

 

 Ditlevsen erzählt autofiktional von einer Kindheit in einer dänischen Arbeiterfamilie in den 1920/30er Jahren. 

Tove Ditlevsen "Kindheit"
Tove Ditlevsen "Kindheit"

Zart, sanft, verletzlich - mit einer großen Empfindsamkeit gelingt es Ditlevsen, ihrer Tove, ihrer Kindheit eine Stimme zu geben. Eine Kinderstimme, die ich in jedem Satz heraushöre und ein Kinderblick in die Welt der Erwachsenen, der vielleicht nicht alles versteht, aber alles offenbart. Und: eine Stimme und ein Blick, die mich erstaunlich nah und kompromisslos nah an Toves Erleben heranziehen.

 

Tove, die die Launen der Mutter zu spüren bekommt, Tove, die auch vom Vater keine Geborgenheit erfährt. Tove, die registriert, wie ihr Bruder bevorzugt wird, weil er ein Junge ist. Tove, die vor der Schule lesen kann und doch besser damit fährt, sich dumm zu stellen. Tove, die immer wieder ihr Anderssein spürt. „Ich weiß genau, wie schlimm es ist, nicht normal zu sein, ich habe selbst meine liebe Not damit, so zu tun, als wäre ich es.“ (S. 67)

 

Ich lese von der Seele eines verunsicherten Kindes, das aber eines ganz sicher und ganz fest verankert in sich entdeckt - das ist die Liebe zu den Versen, zum Schreiben und die schon früh begreift, wie Sprache ihr Schutz und Zuflucht bietet.

 

„Kein Erwachsener verkraftet den Gesang in meinem Herzen und die Wortgirlanden in meiner Seele.“ (S.33)

  

115 Seiten intensive, großartige Literatur.


Tove Ditlevsen (1917-1976), geboren in Kopenhagen, galt lange Zeit als Schriftstellerin, die nicht in die literarischen Kreise ihrer Zeit passte. Sie stammte aus einer Arbeiterfamilie und schrieb offen über die Höhen und Tiefen ihres Lebens. Heute gilt sie als eine der großen literarischen Stimmen Dänemarks und Vorläuferin von Autorinnen wie Annie Ernaux und Rachel Cusk. Die "Kopenhagen-Trilogie" mit den drei Bänden "Kindheit", "Jugend" und "Abhängigkeit" ist ihr zentrales Werk, in dem sie das Porträt einer Frau schafft, die entschieden darauf besteht, ihr Leben nach den eigenen Vorstellungen zu leben.

 

Ursula Allenstein, 1978 geboren, studierte Skandinavistik und Germanistik in Frankfurt und Kopenhagen. Sie ist Übersetzerin aus dem Dänischen, Schwedischen und Norwegischen von u.a. Christina Hesselholdt, Sara Stridsberg und Johan Harstad. Für ihrer Übersetzungen wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Jane-Scatcherd-Preis der Ledig-Rowohlt-Stiftung.


Tove Ditlevsen, Kindheit, Erster Teil der Kopenhagen-Trilogie, Aus dem Dänischen und mit einem Nachwort von Ursel Allenstein, Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, 1. Auflage, Berlin 2021, 120 Seiten, ISBN 978 3 351 03868 7

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