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Christian Kracht "AIR"


 „Hätte er doch nur beim Militärvelo ein Bastkörbchen an die Lenkstange montiert. Oder eine Tragetasche mitgebracht. So aber mußte er sich das Sauerteigbrot unter den Arm klemmen, und einmal fiel es hinab auf den Weg, die Papiertüte platzte, und er hielt an, um es wieder aufzuheben. Er pustete den Straßenschmutz vom Brotlaib und wischte mit dem Ärmel seines durchnäßten Pullovers darüber. Ärgerlich. Aber der Weg zurück war wenigstens viel leichter, er nahm sogar die Füße von den Pedalen, streckte sie nach links und rechts aus und freute sich darüber, daß er schnell und mühelos wieder hinab nach Stromness sauste.“ (S. 20) 


Christian Kracht "AIR"
Christian Kracht "AIR"

Die Dinge standen anfangs wirklich gut: Paul war mir mit seiner zurückgezogenen Lebensweise auf den Orkneyinseln, seiner einäugigen Katze (er hasst Katzen eigentlich) und seiner verschrobenen, dekadenten Art sehr sympathisch. Er setzt beruflich Wohnräume in Szene, die verkauft oder vermietet werden sollen, und nimmt dabei so gut den minimalistischen Zeitgeist auf, dass die Kunden die Inneneinrichtung gleich mit kaufen wollen, zu horrenden Preisen. Er hat sich einen Ruf aufgebaut, so dass sogar sein liebstes Trendmagazin „Kūki“ ihn engagiert: Das perfekte Weiß für das Datenspeicherzentrum im norwegischen Stavanger soll er finden. Just in dem Moment, als er die schier endlosen Reihen an Speicherplätzen besichtigt, verschwindet er scheinbar spurlos, ausgelöst durch eine Sonneneruption … In eine Art archaischer Parallelwelt gebeamt erlebe ich, wie er von dem Mädchen Ildr mit Pfeil und Bogen gefährlich verletzt, geheilt (unter Zuhilfenahme von Mitteln und Wissen aus Pauls moderner Welt) und als ihr Begleiter und Magier vor einem tyrannischen Herzog flüchtet, Schutz in einer Art Steinzeit-Kommune findet und mit deren vereinten Kräften die herzoglichen Truppen besiegt –

 

Ist ein einfaches Leben möglich? Oder machen wir uns mit dem Wunsch nach Minimalismus nicht selbst etwas vor? Ist nicht in uns ganz tief drin der Motor zum Differenzieren und zu Vielfalt eingebaut? ODER so gelesen: Befinden wir uns in einem Prozess der „Verflachung der Welt“ (S. 172), Minimalismus vs. Digitalisierung: Bei all der Daten-, Bilder- und Informationsflut, bei all den Nachrichten, die uns zugänglich sind und die eigentlich zu mehr Wissen und Bildung führen müssten: Betrachten wir, die Bewohner*innen dieser hoch komplexen Welt diese nicht immer stärker und häufiger und in der Mehrheit zweidimensional, verflachen wir gar selbst?

 

Vielleicht, vielleicht ist es das, was Herr Kracht mir mitteilen will. Andere Rezensenten sehen so viel mehr in diesen 215 Seiten. Ich war in der zweiten Hälfte des Romans ärgerlich (😊) und gelangweilt von Paul und Ildr und ihrem Weg in dieser anderen Welt. Aber: lebhaft, in alle Richtungen und offen bleibend diskutierten wir das Werk in unserer Leserunde - wie in so vielen anderen – überhaupt nicht ein- oder zweidimensional - und ja, so gesehen hat der Autor doch alles richtig gemacht.

 

Mein erster Kracht wird deshalb nicht mein letzter bleiben.

 

Vielen Dank an den KiWi-Verlag für das Rezensionsexemplar. Unbeauftragte, unbezahlte Werbung.


Christian Kracht, Schweizer, zählt zu den modernen deutschsprachigen Schriftstellern. Seine Romane "Faserland", "1979", "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten", "Imperium", "Die Toten" und "Eurotrash" sind in über 35 Sprachen übersetzt. Er lebt in Zürich.


Christian Kracht, AIR, Roman, Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 2025, 215 Seiten, ISBN 978 3 462 00457 1

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