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Bettina Wilpert "Die bärtige Frau"


Geschichten, Romane, Bücher können so vieles. Sie beruhigen, sie heitern auf, sie schaffen Emotionen, sie lenken ab, sie bilden, sie versetzen uns in andere Perspektiven, sie lassen uns abtauchen in Welten, die wir uns sonst nie in einem einzigen Menschenleben erschließen könnten und somit: Sie klären auf. Ja, am ehesten empfinde ich Bettina Wilperts „Die bärtige Frau“ als Aufklärungsroman – in meiner Sache, in ganz eigener Sache, in Frauensache, in der Sache des Frauenkörpers. Aber ich wünsche mir dennoch, dass er deshalb nicht auf ein reines „Frauenbuch“ reduziert wird. Frauen UND Männer! Lest bitte dieses Buch. Warum? Ich komme gleich dazu. 

 

Zunächst: Worum geht es? Alex lebt mit Mann Olli und Tochter Paula in Leipzig. Das erste Mal ist sie für ein paar Tage - für sie eine lange Zeit - von der Einjährigen getrennt, weil sie ihrer Mutter im heimatlichen Bayern helfen will. Es werden Tage, die sie nachdenken lassen… 


Bettina Wilpert "Die bärtige Frau"
Bettina Wilpert "Die bärtige Frau"

„Sie war nicht mehr daheim in ihrem Körper.“ (S. 103) „Sie wollte ihren Körper wieder für sich haben.“ (S. 104) „… funktioniert ihr Körper nicht mehr, wie sie möchte.“ (S. 107) „… da war sie noch nie so viel Körper …“  (S. 113) … Tage also, die sie nachdenken, reflektieren, sich besinnen lassen über ihren Körper. Wie er sich verändert, was er schon alles mitgemacht hat, was er alles leistet und trägt - bei monatlichen Blutungen, durch den Wunsch und die Hoffnung im Prozess des Schwanger-Werdens, durch Fehlgeburten, durch Schwangerschaft und Geburt. Aber auch wie sie sich als Frau, als Mutter, als Partnerin und als Berufstätige - wie Alex sich in diesem Rollenkonvolut in der Eigen- und Fremdwahrnehmung in eben diesen erwähnten „Frauenprozessen“ - verändert hat.

 

Frauen also, lest dieses Buch und seid danach umso nachsichtiger mit Euch und Eurem Körper und Eurem Bild davon, egal ob als Mutter oder Frau oder beides - Ihr, Du und Dein Körper, Ihr leistet viel. Und an Euch Männer: Bitte lest diesen Roman, um eine Ahnung davon zu bekommen, was ein Frauenkörper stemmt, zusätzlich.

 

Eine Anmerkung noch: Bettina Wilpert erzählt personal. Ich hätte mir die Ich-Perspektive gewünscht. Ich bin überzeugt, dann wäre ich noch viel näher an Alex herangerutscht und – mh – anfangs bin ich tatsächlich immer wieder unbewusst in das Ich beim Lesen gewechselt. Dazu kam die Vorstellung: Ein Mann liest das alles in der Ich-Perspektive, und diese Vorstellung gefiel mir besonders - der Mann liest sich: blutend unter Schmerzen, bangend um das Kind in sich, nachts wachliegend, weil sein schwangerer Körper ihn nicht zur Ruhe kommen lässt, gebärend – das wäre schon sehr aufklärerisch, finde ich.

 

Drum: große Leseempfehlung, für jedermann, jedefrau und alle dazwischen.

 

P. S. Vielen Dank an den Verbrecher Verlag für das Rezensionsexemplar. Unbeauftragte/unbezahlte Werbung.


Bettina Wilpert, geboren 1989, studierte Kunstwissenschaft, Anglistik und Literarisches Schreiben in Potsdam, Berlin und Leipzig. 2018 erschien ihr Debütroman "nichts, was uns passiert", für den sie u.a. mit dem ZDF-"aspekte"-Literaturpreis für das beste literarische Debüt des Jahres, dem Förderpreis zum Lessing-Preis des Freistaates Sachsen und dem Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium ausgezeichnet wurde. 2022 erschien ihr zweiter Roman "Herumtreiberinnen". Sie lebt und arbeitet als freie Autorin und Mutter von zwei Kindern in Leipzig.


Bettina Wilpert, Die bärtige Frau, Verbrecher Verlag, Erste Auflage, Berlin 2025, 187 Seiten, ISBN 978 3 95732 608 9

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