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James Baldwin "Giovannis Zimmer"


David sinniert in Rückblenden über seine große Liebe Giovanni. David liebt Giovanni. Giovanni liebt David. So einfach. So kompliziert. Denn da ist auch noch Davids Verlobte Hella. Und wir sind in Paris der 1950er Jahre. Schon früh im Roman erfahre ich, dass Giovanni durch die Guillotine sterben wird. Wie ein Damoklesschwert schwebt dieser Fakt über Davids Bericht. 

„Ich sollte dieses Zimmer zerstören und Giovanni ein neues, besseres Leben schenken.“ (S. 101) / „Ich wollte ihn treten, und ich wollte ihn in die Arme nehmen.“ (S. 132)

James Baldwin "Giovannis Zimmer"
James Baldwin "Giovannis Zimmer"

James Baldwin überzeugt durch sein tiefgründiges Verständnis für die Stimmung und die Psyche seines Ich-Erzählers David, welches der Autor ganz sicher aus eigenen Erfahrungen nährt. Durch das nicht chronologische Hin und Her von Davids Gedanken und Erinnerungen kann ich seine Irrwege und seine Teilhabe an Giovannis Schicksal nachvollziehen. Trotz siebzig Jahres des Fortschritts fühle ich die Scham und die Zerrissenheit, geboren u.a. aus der Verpflichtung gegenüber gesellschaftlichen Erwartungen, immer noch hochaktuell nach.

 

Szenen sind voller Leidenschaft und plastisch dargestellt, insbesondere das Kennenlernen zwischen David und Giovanni liest sich sehr überzeugend. Sprachlich stolpere ich zuweilen über Stellen, die ich in einem Roman, der schon als Klassiker bezeichnet wird, so nicht erwartet hätte. Beispielsweise als David Ablenkung in einer schnellen Affäre sucht, beschreibt er diese: „Sie war füllig und beunruhigend flüssig – was ihr nicht half, in Fluss zu kommen.“ (S. 114)

 

Nichtsdestotrotz trifft mich immer und immer wieder die Wucht dieses Romans, die sich - so paradox das klingt – aus der Verleugnung der Liebe, aus Davids Angst zu lieben, ergibt, und in deren totaler Konsequenz er alles verliert.

 

Unbedingte Leseempfehlung.

 

Auch von mir gelesen und rezensiert: James Baldwin "Sag mir, wie lange ist der Zug schon fort"


James Baldwin, 1924 geboren, ist einer der bedeutendsten US-amerikanischen Schriftsteller. Sein bereits zu Lebzeiten vielfach ausgezeichnetes Werk umfasst Essays, Romane, Erzählungen, Gedichte und Theaterstücke. Er verstarb 1987 in Südfrankreich. 

 

Miriam Mandelkow, 1963 geboren, hat u.a. Werke von Samuel Selvon, Ta-Nehisi Coates und Richard Price ins Deutsche übertragen. Für ihre Neuübersetzung von Baldwins Von dieser Welt wurde sie mit dem Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis ausgezeichnet.


James Baldwin, Giovannis Zimmer, Roman, Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow, Mit einem Nachwort von Sasha Marianna Salzmann, dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 7. Auflage, München 2024, 208 Seiten, ISBN 978 3 423 14791 0

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