Was für ein Roman! - Die Geschichte ist dabei so simpel wie genial: Ein Ausflug zu dritt in ein Jagdhaus in den österreichischen Bergen, zwei brechen noch einmal zum Abend ins Dorf auf. Am Morgen stellt die Frau fest, dass sie immer noch allein ist und eine Art gläserner Wand sie vom Rest der Welt trennt, dahinter: alle Lebewesen tot. Nach zweieinhalb Jahren Alleinsein berichtet sie nun rückblickend und schreibt auf alten Kalenderblättern, bis das Papier aufgebraucht ist. Um nicht den Verstand zu verlieren, so beginnt sie, aber sicher ist sie nicht, ob sie sich tatsächlich wünscht, dass ihre Zeilen gefunden und gelesen werden… schon zu Beginn zeigt sich ihre Ambivalenz gegen sich selbst und gegen den Menschen an sich.

Zeit, Ort, Namen spielen kaum eine Rolle - Haushofers Roman wird von der Hauptfigur, von einer Frau getragen, von deren Gedanken, Erleben, Erinnerungen. Und das stimmt so wiederum auch nicht. Sie bleibt ohne menschliche Gesellschaft, aber allein ist sie nicht: „Wir waren also zu viert, die Kuh, die Katze, Luchs und ich.“ (S. 51) Und sie hat den Wald und die Natur, an die sie sich anpasst, anpassen muss. „Manchmal verwirren sich meine Gedanken, und es ist, als fange der Wald an, in mir Wurzeln zu schlagen und mit meinem Hirn seine alten, ewigen Gedanken zu denken. Und der Wald will nicht, daß die Menschen zurückkommen.“ (S. 185) Unser Verhältnis zur Natur, zu den Tieren ist einer der zentralen Punkte in Haushofers ungemein dicht mit Themen bepacktem Roman, der dabei jedoch nie, nie überladen wirkt. Wie abhängig, wie angewiesen wir sind und wie weit wir uns von den Tieren, dem Wald, von der Natur entfernt haben, mit all dem Gedöns um uns herum, Autos, Häuser, Flugzeuge etc. pp, all dem Schnickschnack - sie, die Natur kann uns zeigen, wo unsere, ihre, der Natur Grenzen sind – mit einer Katastrophe, mit einer Wand. Bähm, und plötzlich alles auf Null.
Und es ist eine Frau, die „eingesperrt“ ist. Eine Frau - ich stelle mir vor, es wäre ein Mann. Was unterscheidet ihn von ihr in der Auseinandersetzung mit der Situation? Tiere töten und dabei Lust empfinden? Die Tiere als Gefährten annehmen? Frustriert nach einem Ausbruch suchen oder sich den Gegebenheiten stellen? Sich jeglicher Möglichkeiten beraubt sehen oder endlich jegliche gesellschaftlichen Zwänge und Erwartungen abstreifen und zu sich selbst finden?
Es sind so viele Überlegungen, die der Frau im Wald, allein, ganz auf sich zurückgeworfen, kommen. Gedanken, die sich in dieser genau gesetzten, gleichmäßig ruhigen Sprache unweigerlich auf mich übertragen. Ich habe so viel notiert beim Lesen und merke nun, beim Zusammenfassen, wie wenig es ist – immer wieder versinke ich beim Nachlesen in den Seiten, bin mit der Frau beim Jagdhaus, auf der Alm, im Wald, bei Luchs, dem Hund, bei Bella, der Kuh und natürlich bei der Katze.
So was von großartig. Lesen, lesen, unbedingt lesen!!!
Marlen Haushofer wurde am 11. April 1920 in Frauenstein/Oberösterreich geboren. Sie studierte Germanistik in Wien und Graz und lebte später mit ihrem Mann und zwei Kindern in Steyr. Marlen Haushofer starb am 21. März 1970 in Wien. Obwohl sie unter anderem 1968 mit dem Österreichischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet wurde, hatten ihre Bücher erst nach ihrem Tod großen Erfolgt, als die Frauenbewegung sie für sich entdeckte.
Marlen Haushofer, Die Wand, Roman, Mit einem Nachwort von Klaus Antes, Ullstein Buchverlage GmbH, 31. Auflage 2024, Ungekürzte Ausgabe im Ullstein Taschenbuch, 1. Auflage Dezember 2024, 285 Seiten, ISBN 978 3 548 60571 5

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