„Hotel Paraíso“ hat mich überrascht. Meine Erwartungen waren quasi auf null. „Beinahe Alaska“, Arezu Weitholz‘ Erstling, hatte mir sehr gefallen, doch nicht so, dass ich schwärmerisch zurückdachte. Wenn schon erwartungsvoll, dann assoziierte ich über den Titel am ehesten Urlaubsleichtigkeit. Wir wählten es für unsere Leserunde, so zog es bei mir ein - vielen Dank an den mareverlag für das Leseexemplar.
Worum geht es? Frieda, Hörbuch- und Synchronsprecherin aus Berlin, erzählt selbst, und es passt zu ihr, dass sie lange ihren Namen nicht verrät: Ich erlebe sie als menschenscheue Einzelgängerin, als eine, die genervt wirkt, auch von sich selbst, die erschöpft und müde ist, ohne Empfindungen scheint. Zu ihrer Verfassung passend ergibt sich die Möglichkeit, ein über die Nebensaison leerstehendes Hotel an der portugiesischen Algarve zu betreuen – und damit auf Rückzug und Abstand, in die Auszeit zu gehen...
„Ich will von dem Kokon erzählen […] ein Kokon, den man um sich webt, um Erinnerungen zu bewahren, und der einen davor beschützt, dass das Leben pikst und drückt und zwickt.“ (S. 159)

Frieda ist zu ihrem Leben auf Distanz gegangen. Aus Gründen, die ich nicht verraten will, um Euch nicht zu viel zu verraten. Aber der Kopf, das Gehirn, die Gedanken lassen sich nicht abschalten – und Friedas Leben geht weiter, auch dort, in der gefühlten Ferne an der portugiesischen Algarve. Sie erhält Impulse, Erinnerungen zu relativieren, Perspektiven zu ändern und die „Kippmomente“ (S. 162) ihres Lebens neu einzuordnen.
„Sei doch nicht immer so negativ.“ (S. 45) Ist sie gar nicht, die Frieda. Arezu Weitholz stattet ihre Erzählerin mit innovativem, sprachlichem Esprit aus, der mich zum Grinsen bringt, mir aber ebenso die Tränen in die Augen treibt. „Hotel Paraíso“ ist ein Plädoyer für die Kraft des Alleinseins, für den Sinn von Pausen und Leerstellen im Leben und für das Heilende beim Kochen 😉.
Damit hat mich Arezu Weitholz nicht nur überrascht, sondern vollends abgeholt.
Arezu Weitholz, 1968 bei Hannover geboren, lebt in Berlin und Schleswig-Holstein. Sie ist Autorin, Journalistin, u.a. für den Reiseteil der FAS, Illustratorin und Songtexterin. Im mareverlag erschien von ihr zuletzt Beinahe Alaska (2020), das von Publikum und Presse gefeiert und mit dem Hans-Fallada-Preis ausgezeichnet wurde.
Arezu Weitholz "Hotel Paraíso", mareverlag, 1. Auflage, Hamburg 2024, 169 Seiten, ISBN 978 3 86648 744 4

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