Das Erschreckende und zugleich Erhellende an Annett Gröschners Roman „Schwebende Lasten“ ist, dass einem bewusst wird, wie viel Schicksal in ein Leben passt und dass diese Menge an Schicksal nicht nur etwas mit der Fiktivität ihrer Figur zu tun hat. Sondern dass das, was Hanna Krause, geboren am 3. September 1913, in ihrem Leben durchmacht, real war und exemplarisch steht für eine Generation Frauen des 20. Jahrhunderts.
Geboren in den ersten Weltkrieg hinein, eine Diktatur und ein weiterer Weltkrieg. An diesen sich anschließend eine andere, weitere Diktatur. Hanna lebt und arbeitet bis zu ihrem Tod in den 1990ern in Magdeburg.
„…wo der Garten blühteblühteblühte, als wäre nichts gewesen.“ (S. 123)

Wie pragmatisch und widerstandsfähig Hanna - Blumenhändlerin in Hitlers und Kranführerin zu DDR-Zeiten - ihr Leben meistert, ist absolut nachlesenswert, jedoch brauchst du starke Nerven. Das Adäquate und zugleich Große an diesem Roman ist, wie unaufgeregt er erzählt ist und dadurch genau die Stimmungslage seiner Hauptfigur trifft: So ist es, nimm es hin, es muss weitergehen. Denn da sind sechs Kinder und ein invalider Mann.
Selbst das, was mich während der Lektüre stören will - kaum Dialoge - muss ich uminterpretieren: Es passt zur Mehrheit der Menschen dieser Zeit - es wurden nicht viele Worte gemacht um das Erlebte, denn schließlich war jeder/jede irgendwie so ähnlich betroffen – und wer wusste schon, was noch alles kommt.
Wenige leichte, aber intensiv-poetische Momente erreichten auch diese gebeutelten Menschen, zum Glück und irgendwie. Als Karl, Hannas Mann, wegen einer Wette auf den Werksturm vom Krupp-Gruson-Stahlwerk steigt und den nächtlichen Sternenhimmel genießt, und freilich durch Hannas Leidenschaft! Die Blumen! Ihre Übernachtung in den Städtischen Gewächshäusern Magdeburgs, ihr Ehrgeiz, ein Blumenstillleben eines niederländischen Künstlers nachzubinden (eigentlich wegen der unterschiedlichen Blühzeiten unmöglich), der Sonnenblumenzaun auf dem Grundstück ihres ehemaligen Blumenladens, den sie erblühen lässt, kurz vor ihrem Tod…
Gröschners Roman "Schwebende Lasten" darf gerne, muss auf die Longlist. So was von!
Annett Gröschner, geboren 1964 in Magdeburg, lebt als Schriftstellerin in Berlin. Bekannt wurde sie mit ihren Romanen "Moskauer Eis" (2000) und "Walpurgisnacht" (2011). 2024 erschien bei Hanser ihr gemeinsam mit Peggy Mädler und Wenke Seemann verfasstes Sachbuch "Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat" (2024). Annett Gröschner wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Großer Kunstpreis Berlin (Fontanepreis), dem Klopstock-Preis und dem Mainzer Stadtschreiber Literaturpreis von ZDF, 3sat und der Landeshauptstadt Mainz.
Annett Gröschner, Schwebende Lasten, Verlag C. H. Beck oHG, München 2025, 279 Seiten, ISBN 978 3 406 82973 4

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