Kennst du „Das schweigende Klassenzimmer“? Es ist Geschichte. Es ist passiert - in Storkow bei Berlin im Herbst 1956. Damals Ostzone, Sowjetzone, DDR. Die 17-, 18jährigen an der dortigen Oberschule gehörten zum ersten Schuljahrgang der „neuen Zeit“, der sein Abitur in der DDR machen wird, eingeschult im September 1945. Die jungen Leute hörten unerwünschterweise über den Radiosender RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) von den ungarischen Aufständen und deren gewaltsamer Niederschlagung durch sowjetische Kräfte. Es wird diskutiert und spontan entscheidet man sich zu Unterrichtsbeginn zu fünf Minuten solidarischem Schweigen…

Verhängnisvoll. Doch das wissen die Mädels und Jungs nicht. Es ist kein „Dummer-Jungen-Streich“, es ist schon eine bewusste Aktion, aber eine konterrevolutionäre, vom Westen initiierte, wie die staatlichen Organe sie einordnen wollen? Die DDR-Maschinerie läuft an - Verhöre, Unter-Druck-Setzen, Erpressung, Manipulation, Überwachung, Verschwörungstheorien, Verdrängen, Totschweigen. Der oder die Rädelsführer müssen gefunden werden.
Die Klasse hält zusammen. Und erhält die Konsequenz…
Der Autor Dietrich Garstka (1939-2018) war einer der Storkow-Schüler. Es gelingt ihm, die Ereignisse sehr differenziert und die Lage und Stimmung aller Beteiligten sehr nachvollziehbar zu schildern, auch für Nicht-DDRler. Das Prinzip DDR ist greifbar. Die Courage der Klasse ist bewundernswert.
Ich hätte mir ein Vorwort gewünscht. Spät erschließt sich für mich, dass der Autor ein Beteiligter war. Die Wir-Perspektive ist daher logisch und angemessen. Im letzten Kapitel, in dem Garstka vom 40jährigen Klassentreffen berichtet, hätte er für mich zwingend in die Ich-Perspektive wechseln müssen, die Distanz zu seiner eigenen Person wird da befremdlich. Die ganz persönliche Einordnung hätte die Leseerfahrung noch intensiviert.
Kennst du „Das schweigende Klassenzimmer“? Ich konnte es lesen und kann es dringend weiterempfehlen, ich konnte es als Theaterstück am Mainfrankentheater in Würzburg sehen, gleichfalls sehr lohnenswert. Einen Film gibt es auch noch.
Dietrich Garstka (1939-2018) besuchte eine Schule in Storkow, bis er mit vielen seiner Klassenkameraden aus der DDR nach West-Berlin floh. Nach seinem Abitur in Bensheim studierte er Germanistik, Soziologie und Geographie in Köln und Bochum. Er arbeitete als Gymnasiallehrer an der Alfred-Krupp-Schule in Essen sowie in Krefeld. Bis zu seinem Tod war er Dozent an der Volkshochschule Essen im Fachbereich Kunst und Kultur. (Quelle: wikipedia)
Dietrich Garstka, Das schweigende Klassenzimmer, Eine wahre Geschichte über Mut, Zusammenhalt und den Kalten Krieg, List Taschenbuch im Ullstein Buchverlags GmbH, 9. Auflage, Berlin 2020, 256 Seiten, ISBN 978 3 548 60769 6

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