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Brigitte Reimann "Ich bedaure nichts" Tagebücher 1955-1963


„Wer weiß, wie lange ich noch lebe!“ schreibt Brigitte Reimann am 29. September 1956. Als ob sie mit 23 schon ahnte, dass ihr so wenig Lebenszeit bleibt – 1973 stirbt sie nur 39jährig an Krebs.

 

„Ich habe Hunger auf das Leben, …“ (S. 67) „Kein Talent zur Lichtbringerin. Ich beglücke mich selbst, wenn ich schreibe…“ (S. 169) „… ich kann wirklich nicht einen Tag ohne Arbeit existieren.“ (S. 246)  „Ich kann nicht leben ohne diesen euphorischen Rausch einer neuen Liebe mit all ihren Stationen, mit ihrem Schmerz, mit ihrem Betrug und Selbstbetrug.“ (S. 254) „… sie wissen schon, wen sie sich aussuchen, […] Ein Schritt daneben, […], ich bin ohnmächtig, man kann mich wegpusten wie ein Staubkorn.“ (S. 295/96) „Ich hasse es, reglementiert zu werden.“ (S. 307)

Brigitte Reimann "Ich bedaure nichts"
Brigitte Reimann "Ich bedaure nichts"

Tagebücher wirken zuweilen wie Sektionen am lebendigen Leib, so nah darf die Leserin an ein Leben heran. An vielen Stellen überlege ich, ob Reimann überhaupt einer Veröffentlichung zugestimmt hätte - ihre Tagebücher vor 1955 hat sie verbrannt.

 

Schon hier in ihren 20er Lebensjahren (1955 ist sie 22, 1963 dreißig) wird klar: Brigitte Reimann ist eine emanzipierte Frau, die sich wenig aus dem macht, was man Erwartungen, Konventionen nennen mag. Eine Frau, die ihr Leben ausfüllte - mit Arbeit, mit Liebe, mit Genuss. Eine starke Frau voller Energie, die gleichsam leidenschaftlich, kraftvoll, sinnlich schrieb, hier wie auch in ihren Büchern und die, wie ich begreife, an sich und ihrem Schreiben zweifelte. Eine Schriftstellerin, die in einem System – dem des Sozialismus, der DDR - erfolgreich wurde, ein System, an das sie glauben wollte und in dem sie sich engagierte, zu dem sie aber immer wieder kritisch auf Distanz ging…

 

 Nein, ich möchte sie nicht missen, diese Tagebücher der Brigitte Reimann - wer sich intensiver mit ihrer Persönlichkeit beschäftigen möchte, für den sind sie verpflichtend und ganz großartig! Als Kennenlernlektüre empfehle ich gerne „Die Geschwister“.

 

P. S. Weitere Reimann-Rezensionen sind über das Archiv zugänglich.


Brigitte Reimann wurde 1933 in Burg bei Magdeburg geboren. Lehrerin. Erste Veröffentlichung bereits 1955. 1960 Umzug nach Hoyerswerda, 1968 nach Neubrandenburg. Sie starb 1973 nach langer Krankheit in Berlin. Wichtigste Werke: Die Frau am Pranger (Erzählung, 1956); Ankunft im Alltag (Erzählung, 1961); Die Geschwister (Erzählung, 1963); Franziska Linkerhand (Roman, 1974); Brigitte Reimann/Christa Wolf: Sei gegrüßt und lebe. Eine Freundschaft in Briefen 1964-1973 (1993).


Brigitte Reimann, Ich bedaure nichts, Tagebücher 1955-1963, Aufbau-Verlag GmbH, 2. Auflage, Berlin 1997, 426 Seiten, ISBN 3 351 02835 0

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