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Milena Michiko Flašar "Der Hase im Mond"


Ohne unsere Leserunde wäre mir dieser Erzählband sicher entgangen. „Oben Erde, unten Himmel“ konnte mich – vor zwei Jahren schon gemeinsam gelesen - nicht erreichen. Also eine zweite Chance für Milena Michiko Flašar…

 

Dem Magischen Realismus zugetan hält die Autorin ihren oft verloren, einsam wirkenden Figuren, die an ihrem Leben zweifeln, darin festzustecken scheinen, eine Parallelwelt entgegen, die den Antihelden den Kick zur Veränderung geben.

Milena Michiko Flašar "Der Hase im Mond"
Milena Michiko Flašar "Der Hase im Mond"

Die Parallelwelt kommt als eine Art Erscheinung daher, die den Schriftsteller zur Berühmtheit verhilft („Die Füchsin“) oder als spiegelgleiche Doppelgängerin im Apartment gegenüber für das Paar, das seine Liebe verloren hat („Hawaiian Dreams“). Oder sie ist ein, durch einen Bewunderer entdecktes, Geheimnis eines Mönchs, der tags Askese lebt und nachts lüstern in Essensabfällen schwelgt. Die Parallelwelt ist aber auch ein Sehnsuchtsort, der Wunsch nach einer wahrhaft, echt erlebten Liebe für den, der kalt und empfindungslos sein Leben lang nur Affären hatte („Hütte auf einem Grashügel“).

 

Traurig und doch paradoxerweise so zauberhaft schön zugleich arbeitet Flašar in ihrer letzten Erzählung mit dem Thema Verlust und strebt damit für mich dem Höhepunkt ihres Erzählbandes zu. Die Parallelwelt in „Spaghetti Napolitan“ ist hier eine nicht existente, nicht greifbare – denn Herrn Kawano kommen in seinem Leben Dinge und nahestehende Personen „abhanden“, sie verschwinden auf unerklärliche Weise, sie lösen sich wie in Luft auf… Hier zeigt sich noch einmal kulminierend, mit welcher Ruhe, Behutsamkeit und Eleganz Flašar erzählt.  

 

Auch wenn der Grundton ein melancholischer ist, kann Milena Michiko Flašar auch komisch, bspw. wenn der junge Mann seiner gut situierten und wohlerzogenen Freundin das Rülpsen beibringt („Pianopianissimo“), wenn sie den so asketisch und rein lebenden Mönch im Müll am Ei lutschen lässt („Der Hase im Mond“) oder wenn zwei überlegen, ob, was der eine bei einem Passanten sah, „… der feingliedrige Unterarm einer Ikebana-Künstlerin [war], der aus dem Beutel ragte.“ (S. 178 „Ikebana“)

 

 Fazit: Ich bin froh, dass ich die Autorin noch einmal mitgelesen habe und gebe eine ganz klare Leseempfehlung! 


Milena Michiko Flašar, geboren 1980 in St. Pölten, hat in Wien und Berlin Germanistik und Romanistik studiert. Sie ist die Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters. Ihre Romane Ich nannte ihn Krawatte, Herr Katõ spielt Familie und Oben Erde, unten Himmel wurden mehrfach ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Zuletzt erhielt sie den Evangelischen Literaturpreis, den Österreichischen Buchpreis Frankreich sowie 2025 den Literaturförderpreis der A und A Kulturstiftung. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Wien.

 


Milena Michiko Flašar, Der Hase im Mond, Verlag Klaus Wagenbach GmbH, Berlin 2025, 234 Seiten, ISBN 978 3 8031 3379 3

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