Mit einer zuckersüß-triefenden Szene beginnt der Debütroman von Ruth-Maria Thomas. Ein Pärchen am See, für Jella und Yannick scheint hier einfach alles zu passen - „… vollkommen schön, wie altes Hollywood, mit Himbeerbrause“ (S. 9). Zehn Sekunden beobachten, zehn Sekunden die Augen schließen, um den kleinen großen Moment zu verinnerlichen, um ihn für immer in seiner schönsten Version abgespeichert zu wissen, erinnert Jella den Rat ihrer Freundin Shelly.
Genau zweieinhalb Seiten lässt mich die Autorin an die perfekte Liebe zwischen der 21jährigen und dem zehn Jahre Älteren glauben. Der Schwenk: aufs Polizeirevier, wo Jella Yannick wegen häuslicher Gewalt anzeigt. Ich bin eine Zeitlang ärgerlich, dass mir Frau Thomas nicht die Gelegenheit und das Zutrauen gibt, dem Mann selbst auf die Schliche zu kommen.
Doch.
Hier geht es um Jella. Schon auf dem Polizeirevier stelle ich zwei Dinge fest: die Kluft zwischen dem, was sie denkt, und dem, was sie sagt. Sie steht unter Schock, glaube ich. Zum zweiten jedoch wird sie von einem Polizisten verhört, einem Mann -
„Ich beobachtete mich dabei, wie ich jeden meiner Schritte kontrollierte, um die zu bleiben, in die er sich verliebt hatte.“ (S. 187/188)
Hier geht es um Jella. Den Männern zu gefallen, das ist, was ihr Erwachsenwerden in den 00er Jahren in einer Lausitzer Kleinstadt prägt. Äußerlich und in ihrer Meinung passt sie sich an, um cool und beliebt zu sein, vor allem beim anderen Geschlecht. Selbstbetrug, Selbstverleugnung. Kontrollverlust und die Schwierigkeit, darüber zu sprechen, selbst mit den besten Freundinnen. Zweifel und die Schuld immer wieder bei sich selbst suchen.
Hier geht es um Jella. Die Autorin bleibt konsequent bei Jellas Perspektive. Und. diese. Konsequenz. muss. sein. Es kann nur um Jellas Erleben, es kann nur um Jellas Erzählen gehen. Um zu verstehen, was ihr, der Frau, passiert ist. Unauslöschlich für sie. Zu verstehen, was das mit ihr macht. Was es macht. Es macht. MACHT.
Hier geht es um Jella, um dich, um mich, um uns Frauen. Es geht um die Notwendigkeit der Schuldumkehr. Dass die Scham die Seite wechselt. Zum Mann.
Ein wichtiges, leider immer noch ein so wichtiges Buch. Unbedingt lesen.
Ruth-Maria Thomas, 1993 geboren und in Cottbus aufgewachsen, war als Sozialarbeiterin in der Jugendhilfe tätig. Sie studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und ist Mitgründerin des erotischen Literaturmagazins Hot Topic!. 2022 war sie Finalistin des Open Mike. In ihren Texten, die u.a. im Rundfunk und in Literaturmagazinen erscheinen, beschäftigt sie sich immer wieder mit den Fallstricken weiblicher Sozialisation. Zuletzt erschien ihre Kurzgeschichte "Glitzer" in DAS GRAMM und "wie ich frau bin" bei Su KuLTuR. "Die schönste Version" stand wochenlang auf der Spiegel Bestsellerliste, war für den Deutschen Buchpreis 2024 nominiert und wird für das Theater dramatisiert.
Ruth-Maria Thomas, Die schönste Version, Roman, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1. Auflage, Hamburg Oktober 2025, 272 Seiten, ISBN 978 3 499 01438 3

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