„Wann kommst du?“ schreibt Kato - die, die gegangen ist, nachdem die Grenzen geöffnet wurden, an Lev – an den, der geblieben ist im siebenbürgischen Rumänien. Kato geht, mit Tom aus Hamburg, radelt mit ihm davon, einfach so. Einfach so?
Dreißig Jahre verbindet Kato und Lev - eine gemeinsame Heimat, eine gemeinsame Kindheit, gemeinsames Erleben, gemeinsames Leben unter einer Diktatur. „Ohne das Mädchen fehlte etwas.“ (S. 228)
Vorwärts leben und gleichzeitig wissen, wohin einer/eine gehört, können wir nur, wenn wir das einbeziehen und verstehen, was hinter uns liegt. Erinnerungen wie „Lichtungen“ begreifen. Erinnerungen erzählen über Verwurzelungen, aber auch vom Loslassen, sie erzählen vom Bleiben, aber auch vom Gehen. Wer ist er und wohin gehört er, wenn sich in Lev über die Mutter siebenbürgische, über den Vater rumänische und über den Großvater österreichisch-ungarische Prägungen mischen?

Ferry, Levs Großvater, gibt schon früh dem jungen Mann mit auf den Weg: „Zugehörigkeit […] ist vielleicht nichts anderes als eine Entscheidung.“ (S. 233)
Wohlig-warm war mir’s beim Lesen und zugleich war ich schmerzhaft berührt. Rasch, tief und umfänglich fühlte ich mich mit Iris Wolff’s Roman „Lichtungen“ verbunden.
Als Vehikel meines Leseerlebnisses machte ich die konzentrierte Sprache aus. Ruhe, fast Stille, die jeden Moment zu brechen schien und dennoch nie an diesen Punkt kam, liegt über dem Erzählten. Es kommt ohne Tamtam aus und gelingt dennoch ausdrucksstark. Pinselstrich auf Pinselstrich setzt die Autorin entlang der Lebensstationen des 35jährigen Lev. Wolff erzählt chronologisch rückwärts, lebensrückwärts, bis zu seiner Kindheit.
Lev findet keine Worte für das Dazwischen. Iris Wolff überlässt ihren Lesern, das Dazwischen zu füllen, ihre Erzählung mit der eigenen zu verbinden.
Für mich entsteht daraus eine ganz großartige Mixtur mit einer unbedingten Leseempfehlung!
Von Iris Wolff empfehle ich auch gerne "So tun, als ob es regnet".
Iris Wolff, geboren in Hermannstadt, Siebenbürgen. Die Autorin wurde für ihr literarisches Schaffen mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, darunter mit dem Marieluise-Fleißer-Preis und dem Marie Luise Kaschnitz-Preis für ihr Gesamtwerk. Zuletzt erschien 2020 der Roman "Die Unschärfe der Welt", der mit dem Evangelischen Buchpreis, dem Eichendorff-Literaturpreis, dem Preis der LiteraTour Nord und dem Solothurner Literaturpreis ausgezeichnet sowie unter die fünf Lieblingsbücher des Deutschen als auch des Deutschschweizer Buchhandels gewählt wurde. Die Autorin lebt in Freiburg im Breisgau.
Iris Wolff, Lichtungen, J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Zehnte Auflage, Stuttgart 2024, 256 Seiten, ISBN 978 3 608 12285 5

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