Eine junge Frau geht zurück in ihr Heimatdorf im Thüringischen. „Ich wollte hier raus.“ (S.100) tönte Karen noch ein paar Jahre zuvor. Nun, Anfang der 1970er, nach Besuch der Oberschule (als erste überhaupt von Osthausen), Jurastudium und Arbeit als Notarin verlässt die 29jährige mit der 7jährigen Tochter Bettina die Stadt, verlässt damit auch Peters, Vater und Ehemann, Historiker an der Uni Leipzig. Warum?
„Wo bin ich?“ (S. 142) / „An allem ist zu zweifeln.“ (S. 183) / „Wo ist mein eigenes Muster?“ (S. 319)
Karen ist immer in Auseinandersetzung mit ihrer Individualität und fordert von sich ein selbst bestimmtes Leben. Sie zweifelt und sucht - ihre Gedanken, ihre Entscheidungen, ihre Sichtweisen, ihren unbedingt eigenen Weg. Damit gerät sie im Privaten wie im Beruflichen wie generell immer wieder in Widerspruch und ins Hadern.

Trotzdem entwickelt sich der Roman zur Geschichte einer großen Liebe, ob sie für das Paar lebbar scheint, lässt Tetzner offen. Ihre Suche konfrontiert sie aber auch mit den Grenzen und Vorgaben, den Maximen, die die (sozialistische) Gesellschaft ihrer Individualität entgegensetzt. Ihr Anspruch bleibt, sich selbst spüren zu wollen, sich nicht zu verleugnen, Meinungen nicht zu kopieren, auch wenn sie Mehrheiten oder Autoritäten angehören, und sieht über sich hinaus diese Freiheiten auch bei anderen gefährdet.
„Karen W.“ ist Tetzners einziger Roman, 1974 in der DDR veröffentlicht. Der zweite „Die Oase“ wurde Opfer der Zensur. Im Interview mit Carsten Gansel im Anhang drückt sie weder Bedauern noch Bitternis darüber aus, keinen weiteren geschrieben zu haben – anderes gab es zu tun, was eben so zum Leben gehört – Familie, Malerei, Nähen. Kinderbücher gab sie heraus. Immer gehörte sie zu Christa Wolfs „Weiberrunde“, in der sich Schriftstellerkolleginnen regelmäßig trafen.
Auch mit nur einem Roman hat die sympathische Gerti Tetzner eine enorm starke literarische Stimme. Gerti Tetzner wird dieses Jahr 90 und schreibt wieder. Wie erfreulich!
Unbedingte Leseempfehlung und Dank an den Aufbauverlag für diese Neuauflage.
Gerti Tetzner wurde 1936 in Thüringen geboren und studierte Rechtswissenschaften. Als sie nach ihren Anfangsjahren im Notariat Richterin werden sollte und über Republikflüchtlinge hätte urteilen müssen, quittierte sie ihren Dienst. Sie studierte am Leipziger Literaturinstitut und tauschte sich mit Christa Wolf über ihr Romanvorhaben aus. "Karen W." (1974) war ein großer Erfolg bei Presse und Publikum und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Nachdem ihr zweiter Roman aufgrund der DDR-Zensur abgelehnt worden war und daraufhin im Westen erscheinen sollte, bekam sie Besuch von der Stasi. Sie musste das Vorhaben aufgeben und schrieb mehrere erfolgreiche Kinderbücher. Heute lebt sie in Berlin und hat vor Kurzem wieder mit dem Schreien angefangen.
Gerti Tetzner, Karen W., Roman, Aufbau Verlags GmbH & Co. KG, 2. Auflage, Berlin 2025, 398 Seiten, ISBN 978 3 351 04264 6

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