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Beatrice Salvioni "Malnata"


Nein, in Maddalenas Haut willst du, will ich nicht stecken. Die 12jährige wird im norditalienischen Monza von allen nur „Malnata“ genannt: die Ungezogene, die Unheilbringende. Die Leute haben ihre Meinung über sie gemacht – die Malnata, damals siebenjährig, ist schuld, dass ihr jüngerer Bruder aus dem Fenster sprang und starb. Selbst von der Mutter wird Maddalena seitdem wie Luft behandelt, ignoriert – wo war sie? Bei Nachbarn und ließ die Kinder bei offenem Fenster zurück…

 

In Francescas Haut will ich ebenso nicht stecken. Die Gleichaltrige stammt aus einem sogenannten guten Hause, jedoch wacht die gefühlskalte Mutter strengen Auges über sie, ihr Verhalten, ihre Wirkung nach außen. Der Vater fühlt zwar mit der Tochter, verharrt jedoch erzieherisch in gleichgültiger Tatenlosigkeit. 

„Die Wahrheit, die sie glauben wollen, ist die einzige, die zählt. Sie haben es längst entschieden, verstehst du das nicht?“ (S. 147)

Beatrice Salvioni "Malnata"
Beatrice Salvioni "Malnata"

Zwei junge, ganz und gar gegensätzliche Charaktere aus zwei ebenso konträren gesellschaftlichen Schichten ziehen sich wie Plus-Minus-Pole an, gesteuert von dem beidseitigen Wunsch nach Anerkennung, Vertrauen und von dem Bedürfnis, gesehen und geliebt zu werden. Die eine wild und mit einer gewissen Narrenfreiheit, da ja eh die leicht- und abergläubische Mehrheit nur schlecht über sie redet - die andere brav, weil eingesperrt, eingeengt von einem Korsett an Regeln und Erwartungen...

 

Beatrice Salvioni konnte mich schnell mit ihrer bildhaften, leidenschaftlichen Sprache in ihren Debütroman ziehen, der mich an keiner Stelle unberührt ließ. Die besondere Note der Freundschaftsgeschichte ist die Zeit, in die die Autorin sie setzt: 1935, Italien zieht unter der Duce-Regierung in den Krieg gegen Äthiopien. Nie vordergründig, aber immer spürbar ist die Atmosphäre der Stadt von Mussolinis aggressiven, selbstherrlichen und selbstgefälligen Gefolgsleuten bestimmt, mit denen sich auch die zwei Freundinnen konfrontiert sehen.

 

Mitgehen konnte ich jedoch zum einen nicht mit der für mein Empfinden überhöhten Bewunderung Francescas für Maddalena, viele Ansichten Maddalenas wiederum waren mir zu erwachsen. Auch mit dem zu plakativen Romanfinale war ich unzufrieden.

  

Doch lest selbst! Denn „Malnata“ erhält dennoch eine klare Leseempfehlung.


Beatrice Salvioni, geboren 1995, studierte an der Universität Mailand und besuchte dann in Turin die renommierte Schreibschule Holden, gegründet von Alessando Baricco. sie hat bereits mehrere Erzählungen geschrieben, von denen eine mit dem Premio Calvino ausgezeichnet wurde. 2021 erregte das literarische Debüt der jungen Autorin große internationale Aufmerksamkeit. La Malnata wurde noch vor Erscheinen in Italien zu einem literarischen Ereignis und verkaufte sich innerhalb weniger Wochen in 20 Länder, inzwischen sind es 35.


Beatrice Salvioni, Malnata, Roman, Aus dem Italienischen von Anja Nattefort, Penguin Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, 2. Auflage, München 2024, 269 Seiten, ISBN 978 3 328 60271 2

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