Wie in „Schwebende Lasten“ geht Svenja Leiber in „Nelka“ einem Frauenschicksal nach, wie es sie so zahlreich gibt. Steht bei Annett Gröschner eine Frau des 20. Jahrhunderts exemplarisch für so viele im Mittelpunkt, die durch zwei Weltkriege und zwei Diktaturen geprägt wurden, schreibt Sonja Leiber über ein ebenso schicksalsgebeuteltes Leben, das in der Romanliteratur und in der öffentlichen deutschen Vergangenheitsbewältigung nahezu ungesehen dargestellt ist: das Leben einer polnischen Zwangsarbeiterin im Hitler-Deutschland des 2. Weltkrieges.
„Für sich betrachten sie Arbeit als ihren größten Stolz, für andere machen sie aus der Arbeit einen Hohn, und dann machen sie aus Arbeit den Tod.“ (S. 139)
Sich der Geschichte von Nelka anzunähern und sie zu komprimieren, fällt mir schwer. 16jährig wird sie von der Heimat Lemberg nach Norddeutschland verschleppt und muss dort für ein Gut und seinen Verwalter arbeiten. Das, was zwischen Nelka und dem Verwalter Marten war und ist, entwickelt sich schwelend. Es ist das Ungesagte, das Verdrängte, das brodelt und aufsteigt nach fünfzigjährigem Schweigen, denn in den 1990ern kehrt Nelka, nun 66, zurück auf das Gut. Es sind nicht Worte, die sich breit und frei machen, sondern Erinnerungen - für die eine ihr Leben lang präsent, für den anderen, worin er nicht wühlen und die er vergessen will.
„Die Sache selbst war falsch. Sie hat mich für immer erschöpft. Ich bin, denkt sie, seit damals nie wieder ganz zu Kräften gekommen. Ich habe nur weitergelebt.“ (S. 66)

Die Machtverhältnisse sind durchgängig klar und nicht nur den Umständen der Zeit geschuldet. Marten sieht sich rückblickend vom System abhängig, von einer Diktatur, in der Wörter wie Volkskörper, Reichsnährstand, Subversion und blutliche Vermischung zum Wortschatz gehörten. Einer Zeit auch, in der die Männer zu den Frauen „gehen“ und in der sie nicht nur für die Arbeit zu Objekten gemacht werden. Beim gealterten Marten - dem die Apfelplantagen, die er mit Nelkas Wissen anlegte, nach dem Krieg zu Wohlstand verholfen haben – erkenne ich nur Rechtfertigungsversuche und vermisse ich Gewissensbisse.
Das Schwelende zwischen den zwei Hauptpersonen hat Svenja Leiber subtil herausgearbeitet. Die Autorin setzt zudem der inhaltlichen Schwere eine erstaunlich luftige und poetische Art und Weise des Erzählens entgegen und lässt Nelka und damit auch die Leserin durchatmen, wenn die Gedanken der jungen Frau sie in eine unbeschwerte, glückliche Kindheit und in die erste zarte Liebe zurück in die Heimat nach Lemberg, Lwiw, Lwow, Lwów tragen.
Ein ganz wichtiges Stück Literatur, so herausragend umgesetzt.
Svenja Leiber, geboren 1975 in Hamburg, wuchs in Norddeutschland auf. Sie studierte Literaturwissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte und lebt und arbeitet heute in Berlin. Für ihre Erzählungen und Romane wurde sie mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Johann-Friedrich-von-Cotta-Literaturpreis 2023 und als Bonner Stadtschreiberin 2025.
Svenja Leiber, Nelka, Suhrkamp Verlag GmbH, 2. Auflage, Berlin 2026, 205 Seiten, ISBN 978 3 518 43276 1

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