„Ich bin zu wichtig, zu rar dafür. Ich bin Nationalbesitz.“ (S. 91) „Ihr müsst ein würdiges Gefäß sein.“ (S. 92) „Wir sind Gefäße, nur das Innere unseres Körpers ist von Bedeutung.“ (S. 132) „Wir dienen zu Fortpflanzungszwecken. Wir sind zweibeinige Schöße, mehr nicht: heilige Gefäße, wandelnde Kelche.“ (S. 185)
Im totalitären religiösen Staat Gilead werden Frauen nach einer nuklearen Katastrophe darauf reduziert, ob sie noch gebären können oder nicht. Die noch fruchtbar sind, werden Mägde. Wie Desfred. Sie dürfen nicht mehr arbeiten, sie dürfen nicht mehr lesen. Sie sind in rote Kutten gekleidet, auf dem Kopf ein weißes Häubchen. Der Gruß der Mägde untereinander: „Gesegnet sei die Frucht.“ - „Der Herr ist mein Zeuge.“ Sie werden einem Kommandanten und dessen unfruchtbarer Ehefrau zugeteilt. In einer ‚Zeremonie‘ wird der Geschlechtsakt vollzogen, damit die Magd ihren Zweck erfüllt, dem Ehepaar ein Kind gebiert. Wirst du zur Unfrau erklärt, aus welchem Grund auch immer, wirst du in Kolonien verbannt. Oder du wirst ‚errettet‘, heißt, du wirst öffentlich hingerichtet…
„In unserem System sind sie geschützt, können sie in Frieden ihre biologische Bestimmung erfüllen.“ (S. 295) „Wir haben nichts anderes getan, die Dinge wieder der Norm der Natur anzupassen.“ (S. 296)

Mein Fazit: Dieser Roman ist klug erzählt. Dabei ist er hart, tut weh, trifft tief ins Mark. Er ist beklemmend. Er nimmt den Atem beim Lesen. Du musst dich unumstößlich auf die alleinige Ich-Erzählerin einlassen. Desfreds emotionale Rückblicke in die Zeit vor Gilead, die Erinnerungen an ihre Familie kontrastieren mit der eindrücklichen Erzählung ihrer einsamen Gegenwart.
Und ja, „Der Report der Magd“ ist eine Dystopie – aber mit vielen im Kern erschreckend bitteren aktuellen Wahrheiten, wie es Frauen ergeht und ergehen könnte, denen jegliche freie Entscheidungen entzogen werden. Der Epilog, ein Historiker-Kongress irgendwann in der Zukunft, zeigt den höhnischen Blick derer, die Gilead wohlwollend analysieren und die Aussagen Desfreds (von ihr wurden Tonbandaufnahmen gefunden) in Frage stellen. Ein ebenso bitterer wie trauriger wie leider unsere Realität treffender Abschluss eines grandiosen Romans, der zeigt, dass es dennoch Hoffnung gibt, und die liegt bei uns selbst: den Menschen.
Gelesen mit @frauenerlesendiewelt auf Instagram. Für diesen Roman empfehle ich dringend, sich Lesepartner zu suchen und sich darüber auszutauschen.
Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, lebt in Toronto und zählt zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit. Ihr "Report der Magd" wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation. 2019 erschien die lang ersehnte Fortsetzung "Die Zeuginnen". Atwood wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Man Booker Prize, dem Nelly-Sachs-Preis, dem Pen-Pinter-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Margaret Atwood, Der Report der Magd, Roman, Deutsch von Helga Pfetsch, Piper Verlag GmbH, 6. Auflage, München Juni 2025, ISBN 978 3 492 30327 9, 412 Seiten

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