Scheinbare Normalitäten wie erste berufliche Erfahrungen, Tanzausflüge mit der Freundin Nina und das beginnende Interesse für das andere Geschlecht bestimmen Toves Erwachsenwerden in den 1930ern, das Autorin Ditlevsen im zweiten Teil ihrer Kopenhagen-Trilogie „Jugend“ beschreibt.
Armut und Enge des Elternhauses dominieren jedoch weiterhin, wie zuvor bereits in „Kindheit“ dargestellt, diese Jahre, und so verwundert es nicht, dass Tove ihre Jugend „…nichts als ein Mangel und ein Hindernis…“ (S. 104) empfindet, ihre Familie ihr „…so leid…“ (S. 83) ist und sie von einer „…Furcht, dass ich niemals von diesem Ort wegkomme, wo ich geboren bin…“ (S. 33) gepackt ist.

Unverrückbar und fest zementiert ist in ihr nach wie vor der Wunsch, Gedichte zu schreiben und diese zu veröffentlichen. Wenn Tove auch sonst manches Mal unsicher wirkt, verfolgt sie hier zwar zaghaft, aber konsequent ihr Ziel und nimmt jeden noch so leisen Kontakt in die sehnsuchtsvoll angestrebte literarische Welt wahr, bis sie tatsächlich den ersten Gedichtband gedruckt in den Händen halten kann. Welch Glück.
Bei aller durchscheinenden Melancholie liegt in diesen 154 Seiten ein Zauber: Rein und klar und wie ungefiltert wirkt das Erzählte.
Umso bedrohlicher erscheint dieses so deutlich Formulierte und heute Gelesene – wenn Tove von dem erzählt, was sich vor fast hundert Jahren in Europa zusammenbraute und womit auch sie in Dänemark in Berührung kommt: Vermieterin Frau Suhr ist von dem Mann in Deutschland und seinem Gedankengut begeistert, hängt sein Porträt im Wohnzimmer auf und veranstaltet Treffen mit Gleichgesinnten … gruselig: „Mein Vater sagt, das sei ein Sieg der Reaktionären, und die Deutschen hätten es nicht besser verdient, weil sie ihn selbst gewählt hätten.“ (S. 29)
Irgendwie Weltliteratur. Für ganz großartig befunden!
Meinen Leseeindruck zu "Kindheit" findest Du hier.
Tove Ditlevsen (1917-1976), geboren in Kopenhagen, galt lange Zeit als Schriftstellerin, die nicht in die literarischen Kreise ihrer Zeit passte. Sie stammte aus der Arbeiterklasse und schrieb offen über die Höhen und Tiefen ihres Lebens. Heute gilt sie als eine der großen literarischen Stimmen Dänemarks und Vorläuferin von Autorinnen wie Annie Ernaux und Rachel Cusk. Die "Kopenhagen-Trilogie" mit den drei Bänden "Kindheit", "Jugend" und "Abhängigkeit" ist ihr zentrales Werk, in dem sie das Porträt einer Frau schafft, die entschieden darauf besteht, ihr Leben nach den eigenen Vorstellungen zu leben.
Ursel Allenstein, 1978 geboren, studierte Skandinavistik und Germanistik in Frankfurt und Kopenhagen. Sie ist Übersetzerin aus dem Dänischen, Schwedischen und Norwegischen von u.a. Christina Hesselholdt, Sara Stridsberg und Johan Harstad. Für ihre Übersetzungen wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Jane-Scatcherd-Preis der Ledig-Rowohlt-Stiftung.
Tove Ditlevsen, Jugend, Zweiter Teil der Kopenhagen-Trilogie, Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein, Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, 2. Auflage, Berlin 2021, 154 Seiten, ISBN 978 3 351 03869 4

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