Elas Körper rebelliert. Mit Halsschmerzen, Ausschlag, Herzstolpern, Atemnot, Kopfweh. Warum? Ist der Tumor wieder da, der ihr als 20jährige aus dem Kopf operiert wurde? Und ausgerechnet jetzt kurz vor der Verteidigung ihrer Dissertation, vor der sie sowieso ANGST hat, wie vor so vielem.
„Ich war so einsam in meinem Körper, wie man nur einsam sein konnte.“ (S. 153)
Daniela Dröscher rückt einen kranken Körper in den Fokus. Ärzte konsultieren, Symptome abstellen, heilen, schnell gesunden. Ela ist vereinnahmt von ANGST und Kranksein. Dröscher beschreibt ihren Leidensweg, ihre Ärzteodyssee – bis ein (Privat)Arzt endlich alles zusammenzählt. Kranksein bedeutet: hilflos und auf Hilfe angewiesen sein, um sich selbst drehen, Verzweiflung, Rückzug, Vereinsamung, und braucht viel zu oft nicht nur einen Arzt, sondern viele Faktoren, um zum Ziel, der Diagnose zu gelangen: „...Hartnäckigkeit, Kontakte, Zeit, Glück. Geld.“ (S.198)
„Sie müssen lernen, Ihren Geist regelmäßig – ja, zu leeren [...] Sie müssen aktiv entscheiden, was sie fühlen wollen.“ (S. 199)

Die körperliche Krise als Chance begreifen, über das Bekämpfen der reinen Symptome hinausgehen - das Kranksein wird für Ela, langsam, zäh fast, zum Prozess der beruflichen und privaten Selbstfindung, der Selbstermächtigung und Abgrenzung. Dinge, die ihr gestresster Körper ebenso von ihr einfordert: echte Pausen, sich spüren, Bedürfnisse und Gefühle erkennen, benennen und steuern. Aber auch Dinge, die fern ihres eigenen Körpers scheinen: seine Herkunft und elterliche, familiäre Prägung akzeptieren, loslassen, loslösen…
Daniela Dröscher leitet die Kapitel mit der zauberhaften Poesie Yoko Tawadas (Elas Dissertationsthema) ein und streut das Japanische, Zart-Spirituelle in viele Ecken und Enden des Romans. Elas Erzählung gelingt der Autorin verdichtet, dennoch flüssig und erfreulich gewitzt. Nachdem ich (wie Ela später selbst) über ihre Symptome hinausschauen konnte, ließ mich ihre Suche nach einer Diagnose, und freilich nicht nur auf die mögliche Krankheitsursache bezogen, nicht mehr los.
Keine angenehme Lektüre, jedoch ohne Zweifel: klasse!
"Junge Frau mit Katze" ist ein Folgeroman zu "Lügen über meine Mutter" - kann aber auch ohne diesen gelesen werden.
Daniela Dröscher, Jahrgang 1977, aufgewachsen in Rheinland-Pfalz, lebt in Berlin. Promotion im Fach Medienwissenschaft an der Universität Potsdam sowie ein Diplom in "Szenischem Schreiben" an der Universität Graz. Ihr Romandebüt "Die Lichter des George Psalmanazar" erschien 2009, es folgten der Erzählband "Gloria" (2010) und der Roman "Pola" (2012) sowie das Memoir "Zeige deine Klasse" (2018). Sie wurde u.a. mit dem Anna Seghers-Preis, dem Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds sowie dem Robert-Gernhardt-Preis (2017) ausgezeichnet. Der Roman "Lügen über meine Mutter" (2022) stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und ist bald im Kino zu sehen.
Daniela Dröscher, Junge Frau mit Katze, Roman, Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 2025, 314 Seiten, ISBN 978 3 462 00761 9

Kommentar schreiben