Fulminant ist der dritte Teil von Tove Ditlevens Kopenhagen-Trilogie.
Passend zum Titel „Abhängigkeit“ habe ich ihn regelrecht gesuchtet, nicht in der Lesegeschwindigkeit, aber in der Intensität und im Erleben. Tove Ditlevsen gelingt es erneut, mich kompromisslos nah an ihre autobiographisch geprägte Hauptfigur Tove heranzuziehen - weil sie mit ihr kompromisslos umgeht, weil sie sie kompromisslos präsentiert, mit einer blank machenden Ehrlichkeit, die weh tut.

„Ich fand Geborgenheit in dem Gedanken, eine verheiratete Frau zu sein.“ (S. 31) / „Jetzt sind wir Vater, Mutter, Kind“, sage ich, „eine ganz normale, gewöhnliche Familie.“ (S. 55) „Wir hatten unserem Leben einen bürgerlichen Rahmen gegeben, wovon ich insgeheim schon immer geträumt hatte.“ (S. 127)
Drei Ehen und eine Beziehung mit der abschließenden Frage: „Du wirst es sicher mit Fassung tragen, oder?“ Nein, sie hat kein Glück mit Männern. Sie nimmt sie sich aber auch für ihre Zwecke. Und bleibt von ihnen abhängig.
Das Schreiben ist ihr einziges Glück.
Darüber hinaus findet sie eine „nie gekannte Seligkeit“ (S. 102), die sie fast zugrunde richtet.
Verletzlich, souverän, eigenständig, so deutet der Aufbauverlag auf dem Buchrücken. Verletzlich, ja. Eigenständig, ja. Jedoch souverän finde ich Toves Tove nicht. Im Schreiben ist sie groß, da gelingt ihr scheinbar alles. Aber ihr Innerstes, sie als Persönlichkeit wirkt zerrissen, unsicher, sich suchend und sich nicht findend.
„So möchte ich immer weiterleben, lass mich nie mehr die Wirklichkeit ertragen.“ (S. 135) „Kein Preis war zu hoch, um sich die unerträgliche Wirklichkeit vom Leib zu halten.“ (S. 137)
„Kindheit“, „Jugend“ und „Abhängigkeit“ von Tove Ditlevsen sind ein großes Stück Literatur.
Tove Ditlevsen (1917-1976), geboren in Kopenhagen, galt lange Zeit als Schriftstellerin, die nicht in die literarischen Kreise ihrer Zeit passte. Sie stammte aus der Arbeiterklasse und schrieb offen über die Höhen und Tiefen ihres Lebens. Heute gilt sie als eine der großen literarischen Stimmen Dänemarks und Vorläuferin von Autorinnen wie Annie Ernaux und Rachel Cusk. Die "Kopenhagen-Trilogie" mit den drei Bänden "Kindheit", "Jugend" und "Abhängigkeit" ist ihr zentrales Werk, in dem sie das Porträt einer Frau schafft, die entschieden darauf besteht, ihr Leben nach den eigenen Vorstellungen zu leben. Die "Kopenhagen-Trilogie" wird erzeit in sechzehn Sprachen übersetzt.
Tove Ditlevsen, Abhängigkeit, Dritter Teil der Kopenhagen-Trilogie, Aus dem Dänischen von Ursel Attenstein, Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, 3. Auflagen, Berlin 2021, 176 Seiten, ISBN 978 3 351 03870 0

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